Was für einen Zwang haben Sie? Nun ja ich habe einen Kontrollzwang. Also hatte - habe immernoch. Ich musste ständig nachsehen, ob ich die Kerze, den Herd oder das Glätteisen richtig ausgemacht habe. Angefangen hat es beim Autofahren. Da hatte ich plötzlich diese Gedanken ‚Oh Gott habe ich da richtig geguckt und nichts übersehen?‘ Dann bin ich immer wieder zurückgefahren und habe kontrolliert, ob auch nichts passiert ist. Das wurde mit der Zeit immer schlimmer. Und ging dann soweit, dass ich schließlich kein Auto mehr fahren konnte. Und dadurch kamen dann auch die anderen Sachen. Irgendwann konnte ich nicht einmal mehr über die Straße laufen ohne zu denken da könnte irgendwas passiert sein. Für einen Weg nach Holland, den man in 2 Stunden mit dem Auto schafft, habe ich 6 Stunden gebraucht, weil ich immern zurückgefahren bin und kontrolliert habe. Immer wieder vor und zurück, vor und zurück, wie im Teufelskreis. Was genau haben Sie denn immer kontrolliert? Ich dachte, dass ich beispielsweise beim Spurwechsel nicht richtig geschaut habe und durch mich dann ein Unfall passiert ist. Dass ich nicht aufgepasst habe und dadurch etwas Schlimmes passiert ist, woran ich Schuld trage. Ich wusste auch, dass das eigentlich nicht sein kann, dass ich jemanden umgefahren habe. Aber diese Angst war einfach so viel größer als das Rationale. Ich hatte teilweise auch Angst vor der Angst... Wann und wie fingen die Zwänge an? Gab es ein einschlagendes Erlebnis? Die ganzen Kontrollzwänge fingen eigentlich vor zwei Jahren an. Also gute anderthalb Jahre hatte ich echte Probleme zu fahren, beziehungsweise bin dann eben gar nicht gefahren. Dann habe ich im April 2016 angefangen mit der Therapie und seit ein paar Monaten fahre ich jetzt wieder Auto. Es fing an, dass ich beim Autofahren einmal etwas kontrolliert habe und plötzlich habe ich immer mehr darüber nachgedacht. Es waren richtige Angstzustände, in denen ich dachte es könnte etwas passieren und ich bin daran Schuld. Man denkt dann sofort an etwas extrem Schlechtes. Dann hat sich das ausgeweitet und auf alles andere projiziert. Obwohl ich vorher nie solche Gedanken hatte. Auf einmal musste ich auch den Herd kontrollieren. Und das ging dann immer tiefer. Wie reagierte Ihr Umfeld darauf? Mein Umfeld hat das gar nicht so in dem Sinne mitbekommen. Das wusste beziehungsweise weiß eigentlich fast keiner, weil ich es kaum jemandem erzählt habe. Also dass ich dann kein Auto mehr gefahren bin, konnte ich ja schlecht verstecken. Aber erzählt habe ich das meinen Eltern und meinem Freund. Wobei meinen Eltern habe ich das nur erzählt, dass ich so Angst vorm Autofahren habe. Woraufhin die mich natürlich beruhigen wollten und mir helfen wollten. Mein Freund ist wirklich gut damit umgegangen. So verständnisvoll. Gab es Einschränkungen in ihrem alltäglichen Leben durch die Zwänge, wenn ja welche? Ja komplett. Das kann ich nicht mal richtig in Worte fassen. Wenn ich das so erzähle, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das wirklich so war. Ich habe für meinen Weg zur Arbeit normalerweise 45 Minuten gebraucht aber plötzlich waren es immer anderthalb Stunden. Ich musste um 5.30h morgens aufstehen obwohl ich normalerweise erst um 7.00h aufgestanden bin. Ich lebe aufm Dorf und musste immer Auto fahren. Mein Freund wohnt außerdem 200 km entfernt, auch das wurde eine echte Anstrengung. Ich musste dann immer den Zug nehmen für die Strecke. Zum Bahnhof habe ich dann das Fahrrad genommen, aber für die 2 km Rad weg habe ich auch ne halbe Stunde gebraucht, weil ich manchmal 15 Minuten an einer Kreuzung stand gewartet und kontrolliert habe. Ich habe manchmal vorm Schlafen gehen 2 Stunden gebraucht, um zu kontrollieren ob alle Geräte im Haus ausgeschaltet sind. Sogar den Wasserhahn habe ich kontrolliert. Sachen die total banal sind eigentlich. Da kann man sich gar kein Bild von machen. Das war kein richtiges Leben mehr. War Ihnen direkt bewusst, dass sie an einer Zwangserkankung leiden? Ja ich wusste das. Und ich wusste dass das nicht normal ist. Ich wusste ja wie ich vorher gelebt habe. Früher habe ich mir nie Gedanken gemacht. Wenn der Herd aus war, dann war der aus. Fertig! Auch beim Autofahren. Da war ich immer eine sehr sichere Fahrerin. Aber die Gedanken, die ich dann hatte, waren einfach stärker als alles andere. Und das passierte auf einmal. Haben Sie sich direkt für eine ärztliche Behandlung entscheiden und oder haben Sie Medikamente gegen die Erkrankung genommen? Ja ich bin zum Arzt gegangen und meine Hausärztin hat mir Citralopramdura verschrieben. Und dann wurde mir empfohlen eine Therapie zu beginnen. Ja und das habe ich dann auch gemacht. Was machen Sie in Ihren Therapiesitzungen? Wie verlaufen diese? Es gibt sehr viel Diagnostik. Man muss die ganzen Vorfälle beschreiben, so wie ich das auch eben ein bisschen getan habe. Dann wird einem die Therapie erklärt. Und dann fängt man eigentlich an mit den Sitzungen, also den Verhaltenstherapien. Es werden dann verschiedene Situationen dargestellt und dann wurde ich quasi meiner Angst ausgesetzt. Wir haben viel darüber gesprochen und ich habe versucht anders zu handeln als ich es zu Hause machen würde, habe wieder angefangen Auto zu fahren in der Therapie, damit ich lernen konnte mit der Angst umzugehen. Gibt es ein einschneidendes Erlebnis/ eine absurde Situation die Sie im Laufe der Zeit erlebt haben und schildern möchten? Naja für mich war alles absurd. Alles was ich gemacht habe in der Zeit. Ich habe das schon sehr rational gesehen und mir war alles bewusst. Ich wusste auch, dass das eigentlich nicht sein kann, dass ich jemanden umgefahren habe. Aber diese Angst war einfach so viel größer als das Rationale. Das verrückte war, dass für mich ein Auto nicht wegzudenken war. Ich ohne Auto das war unvorstellbar. Machmal kann ich gar nicht glauben, dass ich das mitgemacht habe. Was haben Sie für ein Bild von Zwangsstörungen? Meine Hausärztin hat mir damals gesagt, dass das überhaupt nichts seltenes ist. Dass es so viele Leute gibt, denen es ähnlich geht. Dass manche Leute Angst haben zu Essen, weil sie sich verschlucken könnten oder Angst haben Mutter zu werden. Aber dass das auch behandelt werden kann und dass das auch weggehen kann. Und das hat mich erstmal sehr beruhigt. Aber ich hatte nie ein schlechtes Bild von Zwangsstörungen. Was sind Ihre heutigen Gedanken über ihre Krankheit und deren Verlauf? Jetzt gehts mir wieder richtig gut. Aber wenn ich das jetzt so erzähle kann ich nicht glauben, dass das wirklich passiert ist. Das hört sich so verrückt an. Aber so war's. Ich bin dann fast 2 Jahre kein Auto gefahren, aber heute fahre ich wieder Auto. Ganz normal. Ich habe mein Auto wieder, quasi mein Leben wieder zurück. Mir fehlen noch so die letzten 10% bis zur vollständigen Gesundheit. Also manchmal tauchen die Gedanken noch auf, aber dann verschwinden sie auch schnell wieder. Ich weiß auch dass die Zwangsgedanken immer wieder kommen können, aber ich weiß jetzt eben auch wie ich damit umgehen kann. Aber mir gehts echt super momentan. Ich denke momentan auch, dass das nie wieder so schlimm werden kann, aber ich weiß auch wie schnell das gehen kann, dass man wieder mittendrin steckt. Beim Autofahren gucke ich vielleicht einmal mehr nach als andere Leute, aber da bin ich jetzt auch noch dran das in der Therapie zu bearbeiten. Insgesamt bin ich aber sehr zuversichtlich. WENN DER ZWANG DEN ALLTAG BESTIMMT In einem Interview mit einer P atientin, die seit 2014 unt er Zwangsstörungen leidet. Kontrollzwänge bestimmen seither ihr Leben. Anonym hat sie die Erlebnisse geschildert.
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Frau Doktor Schulz, jedes Mal wenn ich mein Auto geparkt habe und mich vom Fahrzeug entferne, muss ich noch einmal zurückgehen, um nachzusehen, ob ich es zugesperrt habe. Muss ich mir Gedanken machen, ob ich an Zwangsstörungen leide? Also Sie haben da gerade einen aufdringlichen Gedanken formuliert, und zusätzlich eine potentielle Zwangshandlung, dadurch, dass man zum Auto zurückgeht, um zu kontrollieren. Das ist natürlich eine Situation, die viele Menschen kennen. Das Kriterium, ab wann etwas pathologisch wird, ist letztendlich, wie viel Zeit das Kontrollieren in Anspruch nimmt und ob es zu Leiden und Beeinträchtigung führt. Das eißt, wenn ich einmal zum Auto gehe und kontrolliere, habe ich nicht unbedingt eine Zwangsstörung. Wiederhole ich diese Kontrolle allerdings immer und immer wieder und dies zu Beeinträchtigungen in meinem Alltag führt, viel Zeit in Anspruch nimmt und letztendlich zu großem Leidensdruck führt, dann würde man von einer Zwangsstörung sprechen. Jeder kennt die Spiele, die man als Kind gespielt hat, wie zum Beispiel nicht auf die Rillen der Pflastersteine zu treten. Sind das schon erste Zwangsgedanken? Bei Kindern gibt es prinzipiell auch Zwangsstörungen. Dieses Beispiel hört sich aber eher an wie ein Spiel. Zwar gibt es gewisse Ähnlichkeiten, aber auch da müsste man eben schauen, wie geht es dem Kind, wenn es doch mal auf eine Rille tritt? Ist das OK? Dann ist es wahrscheinlich keine Zwangsstörung. Wenn das Kind dann aber massive Angst erlebt, falls es mal auf eine Rille tritt, und das Ganze dann auch seinen Spaßcharakter verliert, dann deutet das schon eher auf eine Zwangsstörung hin. Ein wichtiger Punkt hierbei wäre dann noch: Zwangsstörungen bereiten kein Vergnügen. Im eben genannten Beispiel hat das Kind ja in der Regel erstmal Spaß dabei. Gibt es denn auch Fälle, wo Menschen schon eine Art Zwangsstörung im Kindesalter hatten und sich diese dann erst im Erwachsenenalter wirklich ausgeprägt hat? Ja, sowas kann man durchaus in der Entstehung von Zwangsstörungen beobachten. Häufig entwickelt sich eine solche Störung schleichend. Dann haben Betroffene zuerst einfach irgendwelche Angewohnheiten, die wie ein Tick und nicht wirklich beeinträchtigend sind. Das kann unproblematisch bleiben, manchmal verselbständigen sich aber solche Angewohnheiten, sodass der Betroffene schließlich darunter leidet und letztendlich die Kriterien für eine Zwangsstörung erfüllt. Von daher kann es natürlich gut sein, dass man in der Kindheit schon eine gewisse Angewohnheit hatte. Das kann sich aber eben auch wieder »auswachsen«. Oder andersherum können Zwangsstörungen selbstverständlich auch erst im Erwachsenenalter entstehen, ohne eine spezielle Vorgeschichte in der Kindheit. Wenn man über Zwangsstörungen spricht oder davon hört, dann hat man als erstes diesen Waschzwang im Kopf. Gibt es einen Stereotypen für Zwangsstörungen? Also es gibt schon häufigere und nicht so häufige Zwangsstörungen, vor allem Zwangshandlungen. Relativ häufig sind tatsächlich die Reinigungs- und Waschzwänge und die Kontrollzwänge. Reinigungs- und Waschzwänge sind z.B. solche, bei denen man sich sehr häufig und/oder lange die Hände waschen muss. Bei Kontrollzwängen wird überdurchschnittlich häufig bzw. intensiv kontrolliert, ob z.B. das Licht, der Herd oder der Wasserhahn aus ist, ob Fenster geschlossen sind. Es gibt auch noch Wiederholungs- und Zählzwänge, wo es also um eine bestimmte Zahl geht. Dort steht häufig das Magische Denken im Vordergrund; wenn ich also etwas nicht in einer bestimmten Anzahl tue, dann könnte jemandem etwas Schlimmes passieren. Und dann gibt es noch Ordnungszwänge, wo die Betroffenen einen hohen Wert auf Symmetrie und Ordnung legen.Es gibt aber auch Zwangsgedanken ohne Handlungen. Manche Prominente berichten ja auch von Zwängen. Es ist sehr interessant zu erfahren, dass Leute zu denen man aufschaut, auch nur normale Menschen sind. Momentan gibt es eine ganz positive Entwicklung. Früher wurde ja das Thema psychische Störung doch eher unter den Tisch gekehrt. Das hat sich mittlerweile durchaus verändert. Bei Berichten von Prominenten würde ich aber immer genau hinschauen, ob es sich einfach um eine Angewohnheit handelt oder ob jemand wirklich die Störungskriterien erfüllt und einen Leidensdruck hat. Das ist aus der Ferne schwer zu beurteilen. Das war jetzt ein kurzer Ausreißer. Wie hat man sich denn eine Behandlungssitzung vorzustellen? Sitzungen sehen – je nachdem, wo man sich im Therapieverlauf befindet – unterschiedlich aus. Am Anfang geht es erst mal darum, eine gute therapeutische Beziehung aufzubauen und ein Vertrauensverhältnis zu schaffen. Zu Beginn wird die Symptomatik ausführlich exploriert und diagnostisch nochmal genau hingeschaut: Ist es wirklich eine Zwangsstörung oder steht vielleicht doch eine andere Diagnose im Vordergrund? Ist dann die Diagnose klar, erstellt man mit dem Patienten gemeinsam ein individuelles Störungsmodell, das erklärt, wie die Symptomatik entstanden ist und vor allem, wodurch sie aufrecht erhalten wird. In der Regel wird sie durch Vermeidung und Neutralisieren aufrecht erhalten. Dies wird im nächsten Schritt individuell herausgearbeitet. Anschließend wird dann gemeinsam eine sogenannte Angst- oder Situationshierarchie erstellt, wo man schaut: Wie viel Angst ist mit einer bestimmten Situation verbunden? In Übungssituationen wird mit dem Patienten eine Exposition mit Reaktionsverhinderung bzw. Reaktionsmanagement, wie man es heutzutage nennt, durchgeführt. Dabei geht es letztlich darum, dass man sich der gefürchteten Situation aussetzt, die Angst und die negativen Emotionen zulässt, um dann im Anschluss die Erfahrung zu machen, dass man es aushalten kann, auch wenn man nicht neutralisiert. In diesem Hauptblock der Therapie ist es immer wichtig, auch die kognitiven Interventionen mit einzubeziehen. Was geht denn in den Menschen vor? Sind es immer irrationale Verknüpfungen im Kopf eines Menschen, die das Handeln steuern? Häufig gibt es sogenannte Denkfehler, also z.B. ein übermäßiges Verantwortungsgefühl oder Katastrophen-Denken. Ein hohes Verantwortungsgefühl ist häufig bei Zwangsstörungen vorhanden. Beispielsweise denkt man: »Wenn ich nicht kontrolliere, dann ist das nicht nur so, dass das Haus abbrennt (was natürlich schlimm genug wäre), sondern vor allem die Befürchtung, das dann meine Familie stirbt oder Ähnliches.« Wenn ich auf etwas Einfluss habe, ist das gleichbedeutend mit Verantwortung. Es besteht also ein immenses Verantwortungsempfinden. Häufig gepaart mit einer Gefahrenüberschätzung, was ein anderer Punkt ist, den man in der Regel kognitiv angeht. Häufig ist es auch sinnvoll zu überlegen, wie hoch die Wahrscheinlichkeiten für so einen Fall tatsächlich ist. »Wie wahrscheinlich ist es tatsächlich, dass ich eine Kerze angelassen habe und dann 20 Menschen sterben?« Die Angst sagt hier, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist. Eigentlich liegt aber eine ganze Kette von Ereignissen dazwischen, jedes mit einer eigenen Wahrscheinlichkeit. Durch Wahrscheinlichkeitsrechnung weiß man schließlich, dass am Ende theoretisch eine relativ geringe Wahrscheinlichkeit für die Katastrophe herauskommt. Wie erfolgreich ist die Therapie? Können Zwangsstörungen ganz geheilt werden? Darüber eine Aussage zu treffen, ist pauschal nicht möglich, weil es von vielen verschiedenen Faktoren. Prinzipiell können Zwangsstörungen aber vollständig geheilt werden. Insgesamt ist die Exposition mit Reaktionsverhinderung in Kombination mit einer kognitiven Therapie ein sehr wirksames Verfahren, von dem viele Patienten gut profitieren. Es kann aber passieren, dass Patienten Jahre später erneut eine Zwangsstörung entwickeln. Dann würde eine erneute Therapie Sinn machen. WAHRSCHEINLICHKEIT GEGEN DEN ZWANG In einem Interview mit Frau Doktor Claudia Schulz, 
Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Psychotherapie-Ambulanz. Seit Juli 2015 gibt es dort eine Spezialambulanz
 für Zwangsstörungen. Neben Aufklärungsarbeit wird hier beraten, diagnostiziert und therapiert.
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DIE MACHT DES MAGISCHEN DENKENS
CORPUS ANIMA MORBUS RATIO +
Was für einen Zwang haben Sie? Nun ja ich habe einen Kontrollzwang. Also hatte - habe immernoch. Ich musste ständig nachsehen, ob ich die Kerze, den Herd oder das Glätteisen richtig ausgemacht habe. Angefangen hat es beim Autofahren. Da hatte ich plötzlich diese Gedanken ‚Oh Gott habe ich da richtig geguckt und nichts übersehen?‘ Dann bin ich immer wieder zurückgefahren und habe kontrolliert, ob auch nichts passiert ist. Das wurde mit der Zeit immer schlimmer. Und ging dann soweit, dass ich schließlich kein Auto mehr fahren konnte. Und dadurch kamen dann auch die anderen Sachen. Irgendwann konnte ich nicht einmal mehr über die Straße laufen ohne zu denken da könnte irgendwas passiert sein. Für einen Weg nach Holland, den man in 2 Stunden mit dem Auto schafft, habe ich 6 Stunden gebraucht, weil ich immern zurückgefahren bin und kontrolliert habe. Immer wieder vor und zurück, vor und zurück, wie im Teufelskreis. Was genau haben Sie denn immer kontrolliert? Ich dachte, dass ich beispielsweise beim Spurwechsel nicht richtig geschaut habe und durch mich dann ein Unfall passiert ist. Dass ich nicht aufgepasst habe und dadurch etwas Schlimmes passiert ist, woran ich Schuld trage. Ich wusste auch, dass das eigentlich nicht sein kann, dass ich jemanden umgefahren habe. Aber diese Angst war einfach so viel größer als das Rationale. Ich hatte teilweise auch Angst vor der Angst... Wann und wie fingen die Zwänge an? Gab es ein einschlagendes Erlebnis? Die ganzen Kontrollzwänge fingen eigentlich vor zwei Jahren an. Also gute anderthalb Jahre hatte ich echte Probleme zu fahren, beziehungsweise bin dann eben gar nicht gefahren. Dann habe ich im April 2016 angefangen mit der Therapie und seit ein paar Monaten fahre ich jetzt wieder Auto. Es fing an, dass ich beim Autofahren einmal etwas kontrolliert habe und plötzlich habe ich immer mehr darüber nachgedacht. Es waren richtige Angstzustände, in denen ich dachte es könnte etwas passieren und ich bin daran Schuld. Man denkt dann sofort an etwas extrem Schlechtes. Dann hat sich das ausgeweitet und auf alles andere projiziert. Obwohl ich vorher nie solche Gedanken hatte. Auf einmal musste ich auch den Herd kontrollieren. Und das ging dann immer tiefer. Wie reagierte Ihr Umfeld darauf? Mein Umfeld hat das gar nicht so in dem Sinne mitbekommen. Das wusste beziehungsweise weiß eigentlich fast keiner, weil ich es kaum jemandem erzählt habe. Also dass ich dann kein Auto mehr gefahren bin, konnte ich ja schlecht verstecken. Aber erzählt habe ich das meinen Eltern und meinem Freund. Wobei meinen Eltern habe ich das nur erzählt, dass ich so Angst vorm Autofahren habe. Woraufhin die mich natürlich beruhigen wollten und mir helfen wollten. Mein Freund ist wirklich gut damit umgegangen. So verständnisvoll. Gab es Einschränkungen in ihrem alltäglichen Leben durch die Zwänge, wenn ja welche? Ja komplett. Das kann ich nicht mal richtig in Worte fassen. Wenn ich das so erzähle, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das wirklich so war. Ich habe für meinen Weg zur Arbeit normalerweise 45 Minuten gebraucht aber plötzlich waren es immer anderthalb Stunden. Ich musste um 5.30h morgens aufstehen obwohl ich normalerweise erst um 7.00h aufgestanden bin. Ich lebe aufm Dorf und musste immer Auto fahren. Mein Freund wohnt außerdem 200 km entfernt, auch das wurde eine echte Anstrengung. Ich musste dann immer den Zug nehmen für die Strecke. Zum Bahnhof habe ich dann das Fahrrad genommen, aber für die 2 km Rad weg habe ich auch ne halbe Stunde gebraucht, weil ich manchmal 15 Minuten an einer Kreuzung stand gewartet und kontrolliert habe. Ich habe manchmal vorm Schlafen gehen 2 Stunden gebraucht, um zu kontrollieren ob alle Geräte im Haus ausgeschaltet sind. Sogar den Wasserhahn habe ich kontrolliert. Sachen die total banal sind eigentlich. Da kann man sich gar kein Bild von machen. Das war kein richtiges Leben mehr. War Ihnen direkt bewusst, dass sie an einer Zwangserkankung leiden? Ja ich wusste das. Und ich wusste dass das nicht normal ist. Ich wusste ja wie ich vorher gelebt habe. Früher habe ich mir nie Gedanken gemacht. Wenn der Herd aus war, dann war der aus. Fertig! Auch beim Autofahren. Da war ich immer eine sehr sichere Fahrerin. Aber die Gedanken, die ich dann hatte, waren einfach stärker als alles andere. Und das passierte auf einmal. Haben Sie sich direkt für eine ärztliche Behandlung entscheiden und oder haben Sie Medikamente gegen die Erkrankung genommen? Ja ich bin zum Arzt gegangen und meine Hausärztin hat mir Citralopramdura verschrieben. Und dann wurde mir empfohlen eine Therapie zu beginnen. Ja und das habe ich dann auch gemacht. Was machen Sie in Ihren Therapiesitzungen? Wie verlaufen diese? Es gibt sehr viel Diagnostik. Man muss die ganzen Vorfälle beschreiben, so wie ich das auch eben ein bisschen getan habe. Dann wird einem die Therapie erklärt. Und dann fängt man eigentlich an mit den Sitzungen, also den Verhaltenstherapien. Es werden dann verschiedene Situationen dargestellt und dann wurde ich quasi meiner Angst ausgesetzt. Wir haben viel darüber gesprochen und ich habe versucht anders zu handeln als ich es zu Hause machen würde, habe wieder angefangen Auto zu fahren in der Therapie, damit ich lernen konnte mit der Angst umzugehen. Gibt es ein einschneidendes Erlebnis/ eine absurde Situation die Sie im Laufe der Zeit erlebt haben und schildern möchten? Naja für mich war alles absurd. Alles was ich gemacht habe in der Zeit. Ich habe das schon sehr rational gesehen und mir war alles bewusst. Ich wusste auch, dass das eigentlich nicht sein kann, dass ich jemanden umgefahren habe. Aber diese Angst war einfach so viel größer als das Rationale. Das verrückte war, dass für mich ein Auto nicht wegzudenken war. Ich ohne Auto das war unvorstellbar. Machmal kann ich gar nicht glauben, dass ich das mitgemacht habe. Was haben Sie für ein Bild von Zwangsstörungen? Meine Hausärztin hat mir damals gesagt, dass das überhaupt nichts seltenes ist. Dass es so viele Leute gibt, denen es ähnlich geht. Dass manche Leute Angst haben zu Essen, weil sie sich verschlucken könnten oder Angst haben Mutter zu werden. Aber dass das auch behandelt werden kann und dass das auch weggehen kann. Und das hat mich erstmal sehr beruhigt. Aber ich hatte nie ein schlechtes Bild von Zwangsstörungen. Was sind Ihre heutigen Gedanken über ihre Krankheit und deren Verlauf? Jetzt gehts mir wieder richtig gut. Aber wenn ich das jetzt so erzähle kann ich nicht glauben, dass das wirklich passiert ist. Das hört sich so verrückt an. Aber so war's. Ich bin dann fast 2 Jahre kein Auto gefahren, aber heute fahre ich wieder Auto. Ganz normal. Ich habe mein Auto wieder, quasi mein Leben wieder zurück. Mir fehlen noch so die letzten 10% bis zur vollständigen Gesundheit. Also manchmal tauchen die Gedanken noch auf, aber dann verschwinden sie auch schnell wieder. Ich weiß auch dass die Zwangsgedanken immer wieder kommen können, aber ich weiß jetzt eben auch wie ich damit umgehen kann. Aber mir gehts echt super momentan. Ich denke momentan auch, dass das nie wieder so schlimm werden kann, aber ich weiß auch wie schnell das gehen kann, dass man wieder mittendrin steckt. Beim Autofahren gucke ich vielleicht einmal mehr nach als andere Leute, aber da bin ich jetzt auch noch dran das in der Therapie zu bearbeiten. Insgesamt bin ich aber sehr zuversichtlich. WENN DER ZWANG DEN ALLTAG BESTIMMT In einem Interview mit einer P atientin, die seit 2014 unt er Zwangsstörungen leidet. Kontrollzwänge bestimmen seither ihr Leben. Anonym hat sie die Erlebnisse geschildert. +
Frau Doktor Schulz, jedes Mal wenn ich mein Auto geparkt habe und mich vom Fahrzeug entferne, muss ich noch einmal zurückgehen, um nachzusehen, ob ich es zugesperrt habe. Muss ich mir Gedanken machen, ob ich an Zwangsstörungen leide? Also Sie haben da gerade einen aufdringlichen Gedanken formuliert, und zusätzlich eine potentielle Zwangshandlung, dadurch, dass man zum Auto zurückgeht, um zu kontrollieren. Das ist natürlich eine Situation, die viele Menschen kennen. Das Kriterium, ab wann etwas pathologisch wird, ist letztendlich, wie viel Zeit das Kontrollieren in Anspruch nimmt und ob es zu Leiden und Beeinträchtigung führt. Das eißt, wenn ich einmal zum Auto gehe und kontrolliere, habe ich nicht unbedingt eine Zwangsstörung. Wiederhole ich diese Kontrolle allerdings immer und immer wieder und dies zu Beeinträchtigungen in meinem Alltag führt, viel Zeit in Anspruch nimmt und letztendlich zu großem Leidensdruck führt, dann würde man von einer Zwangsstörung sprechen. Jeder kennt die Spiele, die man als Kind gespielt hat, wie zum Beispiel nicht auf die Rillen der Pflastersteine zu treten. Sind das schon erste Zwangsgedanken? Bei Kindern gibt es prinzipiell auch Zwangsstörungen. Dieses Beispiel hört sich aber eher an wie ein Spiel. Zwar gibt es gewisse Ähnlichkeiten, aber auch da müsste man eben schauen, wie geht es dem Kind, wenn es doch mal auf eine Rille tritt? Ist das OK? Dann ist es wahrscheinlich keine Zwangsstörung. Wenn das Kind dann aber massive Angst erlebt, falls es mal auf eine Rille tritt, und das Ganze dann auch seinen Spaßcharakter verliert, dann deutet das schon eher auf eine Zwangsstörung hin. Ein wichtiger Punkt hierbei wäre dann noch: Zwangsstörungen bereiten kein Vergnügen. Im eben genannten Beispiel hat das Kind ja in der Regel erstmal Spaß dabei. Gibt es denn auch Fälle, wo Menschen schon eine Art Zwangsstörung im Kindesalter hatten und sich diese dann erst im Erwachsenenalter wirklich ausgeprägt hat? Ja, sowas kann man durchaus in der Entstehung von Zwangsstörungen beobachten. Häufig entwickelt sich eine solche Störung schleichend. Dann haben Betroffene zuerst einfach irgendwelche Angewohnheiten, die wie ein Tick und nicht wirklich beeinträchtigend sind. Das kann unproblematisch bleiben, manchmal verselbständigen sich aber solche Angewohnheiten, sodass der Betroffene schließlich darunter leidet und letztendlich die Kriterien für eine Zwangsstörung erfüllt. Von daher kann es natürlich gut sein, dass man in der Kindheit schon eine gewisse Angewohnheit hatte. Das kann sich aber eben auch wieder »auswachsen«. Oder andersherum können Zwangsstörungen selbstverständlich auch erst im Erwachsenenalter entstehen, ohne eine spezielle Vorgeschichte in der Kindheit. Wenn man über Zwangsstörungen spricht oder davon hört, dann hat man als erstes diesen Waschzwang im Kopf. Gibt es einen Stereotypen für Zwangsstörungen? Also es gibt schon häufigere und nicht so häufige Zwangsstörungen, vor allem Zwangshandlungen. Relativ häufig sind tatsächlich die Reinigungs- und Waschzwänge und die Kontrollzwänge. Reinigungs- und Waschzwänge sind z.B. solche, bei denen man sich sehr häufig und/oder lange die Hände waschen muss. Bei Kontrollzwängen wird überdurchschnittlich häufig bzw. intensiv kontrolliert, ob z.B. das Licht, der Herd oder der Wasserhahn aus ist, ob Fenster geschlossen sind. Es gibt auch noch Wiederholungs- und Zählzwänge, wo es also um eine bestimmte Zahl geht. Dort steht häufig das Magische Denken im Vordergrund; wenn ich also etwas nicht in einer bestimmten Anzahl tue, dann könnte jemandem etwas Schlimmes passieren. Und dann gibt es noch Ordnungszwänge, wo die Betroffenen einen hohen Wert auf Symmetrie und Ordnung legen.Es gibt aber auch Zwangsgedanken ohne Handlungen. Manche Prominente berichten ja auch von Zwängen. Es ist sehr interessant zu erfahren, dass Leute zu denen man aufschaut, auch nur normale Menschen sind. Momentan gibt es eine ganz positive Entwicklung. Früher wurde ja das Thema psychische Störung doch eher unter den Tisch gekehrt. Das hat sich mittlerweile durchaus verändert. Bei Berichten von Prominenten würde ich aber immer genau hinschauen, ob es sich einfach um eine Angewohnheit handelt oder ob jemand wirklich die Störungskriterien erfüllt und einen Leidensdruck hat. Das ist aus der Ferne schwer zu beurteilen. Das war jetzt ein kurzer Ausreißer. Wie hat man sich denn eine Behandlungssitzung vorzustellen? Sitzungen sehen – je nachdem, wo man sich im Therapieverlauf befindet – unterschiedlich aus. Am Anfang geht es erst mal darum, eine gute therapeutische Beziehung aufzubauen und ein Vertrauensverhältnis zu schaffen. Zu Beginn wird die Symptomatik ausführlich exploriert und diagnostisch nochmal genau hingeschaut: Ist es wirklich eine Zwangsstörung oder steht vielleicht doch eine andere Diagnose im Vordergrund? Ist dann die Diagnose klar, erstellt man mit dem Patienten gemeinsam ein individuelles Störungsmodell, das erklärt, wie die Symptomatik entstanden ist und vor allem, wodurch sie aufrecht erhalten wird. In der Regel wird sie durch Vermeidung und Neutralisieren aufrecht erhalten. Dies wird im nächsten Schritt individuell herausgearbeitet. Anschließend wird dann gemeinsam eine sogenannte Angst- oder Situationshierarchie erstellt, wo man schaut: Wie viel Angst ist mit einer bestimmten Situation verbunden? In Übungssituationen wird mit dem Patienten eine Exposition mit Reaktionsverhinderung bzw. Reaktionsmanagement, wie man es heutzutage nennt, durchgeführt. Dabei geht es letztlich darum, dass man sich der gefürchteten Situation aussetzt, die Angst und die negativen Emotionen zulässt, um dann im Anschluss die Erfahrung zu machen, dass man es aushalten kann, auch wenn man nicht neutralisiert. In diesem Hauptblock der Therapie ist es immer wichtig, auch die kognitiven Interventionen mit einzubeziehen. Was geht denn in den Menschen vor? Sind es immer irrationale Verknüpfungen im Kopf eines Menschen, die das Handeln steuern? Häufig gibt es sogenannte Denkfehler, also z.B. ein übermäßiges Verantwortungsgefühl oder Katastrophen-Denken. Ein hohes Verantwortungsgefühl ist häufig bei Zwangsstörungen vorhanden. Beispielsweise denkt man: »Wenn ich nicht kontrolliere, dann ist das nicht nur so, dass das Haus abbrennt (was natürlich schlimm genug wäre), sondern vor allem die Befürchtung, das dann meine Familie stirbt oder Ähnliches.« Wenn ich auf etwas Einfluss habe, ist das gleichbedeutend mit Verantwortung. Es besteht also ein immenses Verantwortungsempfinden. Häufig gepaart mit einer Gefahrenüberschätzung, was ein anderer Punkt ist, den man in der Regel kognitiv angeht. Häufig ist es auch sinnvoll zu überlegen, wie hoch die Wahrscheinlichkeiten für so einen Fall tatsächlich ist. »Wie wahrscheinlich ist es tatsächlich, dass ich eine Kerze angelassen habe und dann 20 Menschen sterben?« Die Angst sagt hier, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist. Eigentlich liegt aber eine ganze Kette von Ereignissen dazwischen, jedes mit einer eigenen Wahrscheinlichkeit. Durch Wahrscheinlichkeitsrechnung weiß man schließlich, dass am Ende theoretisch eine relativ geringe Wahrscheinlichkeit für die Katastrophe herauskommt. Wie erfolgreich ist die Therapie? Können Zwangsstörungen ganz geheilt werden? Darüber eine Aussage zu treffen, ist pauschal nicht möglich, weil es von vielen verschiedenen Faktoren. Prinzipiell können Zwangsstörungen aber vollständig geheilt werden. Insgesamt ist die Exposition mit Reaktionsverhinderung in Kombination mit einer kognitiven Therapie ein sehr wirksames Verfahren, von dem viele Patienten gut profitieren. Es kann aber passieren, dass Patienten Jahre später erneut eine Zwangsstörung entwickeln. Dann würde eine erneute Therapie Sinn machen. WAHRSCHEINLICHKEIT GEGEN DEN ZWANG In einem Interview mit Frau Doktor Claudia Schulz, 
Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Psychotherapie-Ambulanz. Seit Juli 2015 gibt es dort eine Spezialambulanz
 für Zwangsstörungen. Neben Aufklärungsarbeit wird hier beraten, diagnostiziert und therapiert. +
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ANIMA
MORBUS
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DIE MACHT DES MAGISCHEN DENKENS