FLEISCH UND BLUTS FEATURE ÜBER HALLUZINOGENEN HONIG + HONIG-JÄGER IM HIMALAYA
CORPUS ANIMA MORBUS RATIO +
Illustrationen: Jonas Hauss
Träge schiebt sich der Nebel über die unregelmäßig zerklüfteten Hänge der Berge vor mir. Die Sonne ist nicht direkt zu sehen, bloß ihr rötliches Licht, das den Nebel färbt. Es erinnert mich an den Rhododendron, der überall auf den umliegenden Hängen wächst. Ich müsste müde sein, denn in der Nacht habe ich kaum geschlafen. Trotzdem bin ich hellwach, mehr noch: nervös. Vielleicht liegt es an dem Alptraum, der mir gestern Nacht einige Stunden vor Sonnenaufgang den Schlaf geraubt hat.
 In meinem Traum lief ich durch den Urwald. Ich war auf der Suche nach dem Honig, wegen dem ich überhaupt erst hier in dieses Dorf gekommen bin, beinahe zwei Tage Fußweg entfernt von der letzten befestigten Straße. Ich war alleine, das Grün um mich herum wucherte so dicht, dass ich kaum etwas sehen konnte. Während ich lief, begleitete mich das Geräusch summen der Bienen, das lauter wurde, je weiter ich mich vom Dorf entfernte und mich gleichzeitig in den Urwald begab. Als sich das Summen plötzlich in das Fauchen eines Tigers verwandelte, wachte ich auf. Danach habe ich keinen Schlaf mehr gefunden. Es wäre mir lieber, wenn die Bewohner des Dorfes mir nicht erzählt hätten, dass nachts Bären und Tiger um das Dorf herumschleichen,
um auf Beute zu lauern.
^ ^
VON EINEM,
DER AUSZOG … Wer berichten will, muss zuvor etwas erlebt
haben. Das habe ich mir in Augenblicken
des Zweifelns, die mich auf dem Weg nach Ne-pal immer wieder überkommen haben, ve-hementeingeschärft. Im Auftrag von fleisch
und blut bin ich nach Nepal geflogen, bin
in einen überfüllten Bus gestiegen, und bin bis an die Peripherie des himalayischen Dschun-gels gefahren, um gemeinsam mit einer Gruppe von Gurung, den »Honig-Jägern«, in 
die Berge zu gehen. HIMALAYISCHE
BRÄUCHE Die Gurung sind ein friedliches, nepalesisches
Volk, das unter anderem im Himalaya lebt. Es ist
einer ihrer Bräuche, dessen Wurzeln unerkenn
bar weit in der Vergangenheit liegen, den Honig
der Himalaya-Biene ( auch Kliffhonigbiene ge-nannt) von den Klippen zu ernten und zu verzeh-ren. Dieser Honig ist berühmt und begehrt
wegen seiner pharmazeutischen, angeblich aph-rodisierenden und darüber hinaus: halluzinoge-nen Wirkung. Diese Eigenschaften verdankt
der Honig dem Rhododendron, der von den Bie-nen auf Nektarsuche angeflogen wird. Genauer
gesagt: Dem Grayanotoxin, das Bestandteil
der giftigen Blüten ist. Es ist für die Gurung kein
leichtes Unterfangen den Honig zu ernten. Oft-mals endet die Jagd tödlich, denn die Waben
der Kliffhonigbiene befinden sich weit über dem
Boden an den schrägen Wänden des Gebirges.  Meine Nervosität flaut ab, als wir schließ
-lich losziehen. Die Wanderung über die un-befestigten, mit einfachem Werkzeug in den
Wald geschlagenen Wege, ist mühsam. Ich
muss mich darauf konzentrieren nicht über
Steine oder Wurzeln zu stolpern, sodass
kaum Zeit bleibt über den Honig, den ich heu-teNam frühen Nachmittag, nach unserem
Marsch, probieren werde, nachzudenken. Die
Gurung, die mir erlaubt haben sie auf der
»Honig-Jagd« zu begleiten, sind aufgeschlos-sen, lustig, machen Witze, die ich nicht
verstehe. Nichts, abgesehen von dem Equip-ment, das an Lederriemen über ihre Schultern hängt, weist darauf hin, dass wir nicht bloß
 auf Wanderschaft sind.
 Wir machen keine Rast auf unserem Weg.
Dementsprechend pünktlich erreichen wir
unser Ziel, eine etwa hundert Meter hohe Stein
wand. Zwischen zwei Felsvorsprüngen, ge-schützt vor Wind und Regen, hängen drei tel-lerförmige Waben. Das Summen der Bienen übertönt hier alle anderen Urwald-laute. Jetzt wird es also ernst.
+ PSYCHEDELIKA LÖSEN FUNDAMENTALE VERÄNDERUNGEN DES BEWUSSTSEINS, DER ICH-EMPFINDUNG UND DER WAHRNEHMUNG DER UMWELT AUS. DAS BEWUSSTSEIN KANN IN EINEN ÜBER-
WÄLTIGENDEN TRANCE-
ARTIGEN ZUSTAND VERSETZT WERDEN.
GIGANT UNTER
DEN BIENEN Die Kliffhonigbiene ist mit bis zu drei Zentime-tern Länge die größte Honigbiene der Welt. Im
Frühjahr, wenn es um die 25° Celsius warm ist,
ziehen die Bienenkolonnen in die subalpinen
Zonen, zwischen 2500 und 3000 Metern Höhe.
Die Bienen verbleiben hier das halbe Jahr, bis
zum September. Während dieser Periode sam-meln sie den Nektar aus den giftigen Rhododen-dronblüten und verarbeiten sie zu Honig, der
bei Verzehr psychedelische Wirkungen erzeugt.
Dass die Bienen bei der Aufnahme des Nektars
nicht verenden ist erstaunlich, denn Graya-notoxine werden u. a. als Insektizide verwendet. DIE HONIGJAGD Obwohl wir uns noch nicht mal in der Nähe
der Waben befinden, warnen die Honigbie-nen uns bereits. Schillernde, seismische
Wellen überziehen die Honigwaben. Einer der
Gurung erklärt mir, dass das Schillern von
den Flügelbewegungen der Bienen stammt.
 Vorerst konzentrieren die Gurung sich
jedoch auf das Ritual, das sie vor Bienen-stichen und dem Fall aus hundert Meter Höhe
schützen soll. Ein Hahn wird geköpft und
so den Göttern geopfert. Anschließend wird
er gerupft und über offenem Feuer gebraten.
Ich bin erleichtert darüber, dass die Götter
es offenbar nicht als Fauxpas empfinden, dass
ihr Opfer im Nachhinein verspeist wird. Ich
habe seit dem Frühstück nichts gegessen und
fürchte mich vor einer allzu starken Wirkung
des Honigs auf nüchternen Magen.
 Direkt nach der Mahlzeit werden die Strick
leitern vorbereitet. Die Gurung bauen sie
vor Ort zusammen und wässern sie, damit sie
nicht Feuer fangen in den Flammen, die sie
benutzen, um die Bienen auszuräuchern und
sie zu paralysieren. Dazu verbrennen sie
stark qualmende Blätter und Äste. Umgeben
von Rauchschwaden klettert einer der Gu-rung die am Felshang angebrachte Strick-leiter nach oben, bis zur Bienenwabe, durch-bohrt sie mit einem langen Stock, der ihm
gleichzeitig hilft die Balance in der respekt-einflößenden Höhe zu behalten. Die Wabe
fällt zu Boden. Es knackt. Honig quillt aus den
sechseckigen Wabenkammern. Er läuft über
die wächserne Begrenzung der Wabe ins
Gras. Einige tote Bienen schwimmen darin.
 Die Gurung sind zufrieden. Niemand ist,
abgesehen von einem einzigen Bienenstich in
die Schulter, verletzt worden. Mithilfe von
selbstgebauten Bambussieben wird der Honig
gefiltert und in Schüsseln gesammelt. Einer
der Gurung reicht mir lachend eine mit Honig gefüllte Wabe und ermutigt mich abzubeißen.
Er hält meine Hand noch einmal zurück,
bevor ich sie mir zum Mund führen kann, gibt
mir gestikulierend zu verstehen, dass ich vorsichtig kosten soll. Ich folge seinem Rat. Der Honig schmeckt normal. Eine Enttäusch-ung, die mich dazu ermutigt beherzter in 
die Wabe zu beißen, sodass mir eine Menge
Honig in den Mund läuft. Obwohl ich ahne, dass es zu viel gewesen sein könnte, schlucke ich runter, warte ab, glaube jetzt bereits 
eine Wirkung zu merken, die ich von zu viel Alkoholgenuss kenne. Um mich herum zerfließt das Grün der Bäume, die Urwaldgeräusche werden lauter, und auch wenn die Außenwelt an Intensität zunimmt, beschäftige ich mich in diesem Augenblick nur mit mir selber, mit meinem Selbstverständnis und meiner Positionierung in der Welt, mit der absurden Situation, in der ich mich be-finde. Ich glaube an Erkenntnisse zu gelangen, die ich,
trotz meines journalistischen Aufklärungsethos, für
mich alleine behalten soll. Es gibt einfach Dinge, die zu
intim sind, um sie zu teilen. Durch die Gedanken über
mich selbst dringt ein Geräusch, das bei mir Gänsehaut
verursacht. Es ist das Fauchen eines Wildtiers. Ich
weiß nicht genau, wie ein Tiger klingt, aber es könnte
ein Tiger gewesen sein. Ich muss mich wieder über
geben, der Gurung, der mich mithilfe des Lederriemens
auf meinen Schultern trägt, hält an. Er legt mich kurz
ins Gras. Der Moment, in dem er mich absetzt, fühlt sich
unnatürlich lange an, fast, als würde es Stunden dau-ern, bis ich das Gras am Hinterkopf spüren kann.
Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, die Sonne geht
langsam unter. Wir müssen vor Einbruch der Dun-kelheit wieder im Dorf sein, bevor die Tiger und Bären
kommen. Wieder höre ich etwas fauchen. Es ist ganz
in meiner Nähe – glaube ich. Das fließende Grün
der Bäume um mich herum, so wie das Rot des Rhodo-dendron verschmelzen mit dem Wildtierfauchen
und dem Geschmack des halb verdauten Honigs, süß
und gleichzeitig säuerlich vom Erbrochenen. Was pas-siert mit meinem Gehör? Es setzt zwischenzeitig aus
– glaube ich zumindest. Stakkatoartig dringen Geräu-sche an mein Ohr. Fast so, als würden die Urwaldgeräu-sche stottern. Es scheint als ginge mein Gehör eine
Symbiose mit meinen Augen ein. Immer, wenn die Ge-räusche um mich herum aussetzen, wird meine Umgebung gleichzeitig unscharf, so verschwommen
und überhaupt: Was ist mit den Proportionen der Dinge
passiert? Die Bäume, die sich rechts und links vom Pfad
in den Himmel recken, wirken unnatürlich hoch,
sodass ich kaum ihre Spitzen erahnen kann. Ist es nicht
eigentlich so, dass sie sich wölben? Ja, ihre weit ent-fernen Spitzen nähern sich an, formen einen Bogen, der
das versiegende Sonnenlicht abschirmt. Dunkelgrün ist es nun, mit Tupfern vom Rot des Rhodo-dendron. Die Gurung sind nun weg. Ich bewe-ge mich allein durch einen langen, mat-
schigen Tunnel. Das Laufen fällt mir schwer,
denn meine Füße versinken in dem Schlick
des Bodens. Dann höre ich das Fauchen eines
Tigers – natürlich. Das Topos des Alptraums,
versunken im Schlamm oder Ähnlichem,
unfähig mich zu bewegen und dann kommt
die Bedrohung, kommen die Tiger und Bären.
Zweifelsohne: Da bewegt sich etwas Fau-chendes auf mich zu. Ist es wirklich ein Tiger?
Ein Bär … Nein, Bienen. Ihre Facetten-Augen
wirken wie Kacheln in einem Tunnel. Die Dun-kelheit strahlt, ohne, dass es heller würde.
Alles wird intensiver, so intensiv, dass ich es
kaum ertragen kann. Solche Sinneseindrücke
habe ich noch nicht erlebt. Sie übersteigen
die bisherigen mühelos. Ich steige hoch in die
Wipfel der Bäume, von wo aus ich alles se-
hen kann … die Berge, den Wald, den Rhododen- dron. Alles pulsiert. Meine Sinneseindrücke werden eins, und dann wird es dunkel. AM MORGEN DANACH Der Kater, der mich bis zum frühen Nachmit-tag des Folgetages ans Bett bindet, ist un-
gleich stärker, als jeder durch zu viel Bier
oder Wein verursachte Kater. Die Gurung, die
mich am Bett mit Heilpflanzen versorgen, 
die ich folgsam zerkaue, sind offensichtlich

belustigt über die Überdosis, die meinen Hor-rortrip zur Folge hatte. Dipak erzählt mir,
dass sie sich, bis zu meinem Erwachen, große
Sorgen gemacht hätten.
 Es dauert noch einen Tag, bis ich wieder
vollständig auf den Beinen bin. Ich weiß,
wie unverantwortlich mein Handeln gewesen
ist, denn, das wird mir jetzt, nachdem ich
mein kleines Abenteuer hinter mir habe, noch
deutlicher bewusst: ich habe mich vorsätz-
lich selber vergiftet. Ich wusste durch Recher-
cheim Vorfeld, dass eine Überdosis einen
systolischen, arteriellen Blutdruck unter 70
mmHg und eine Herzfrequenz von unter
40 min-1 zur Folge haben kann. Ohne Behand-lung, kann dies auch zum Tode führen.
Glücklicherweise haben sich die Gurung um
mich gekümmert. Übrigens kommen mir
die Erkenntnisse, die mir während meines Rau
sches augenöffnend erschienen waren, zwei
Tage später ziemlich banal vor. Über kurz
oder lang kann ich also feststellen: Es war ein
Erlebnis, mit Sicherheit ein interessantes,
aber ob es sich gelohnt hat, so weit zu fliegen,
um giftigen Honig zu probieren? Ich weiß
es nicht. Was ich sicher weiß: Ich würde keinem unserer Leser raten selber vom Halluzinoge-nen Honig zu kosten. Ich hatte Glück. Mir hätte weitaus Schlimmeres widerfahren können – aber was macht man nicht alles so im Dienste der Aufklärung!
+ ES DAUERT NOCH EINEN TAG, BIS ICH WIEDER VOLLSTÄNDIG AUF DEN BEINEN BIN
Kliffhonigbiene Europäische Honigbiene DELIRIUM Offenkundig habe ich zu viel Honig geges-
sen. Es ist eine halbe Stunde her, dass ich davon gekostet habe und mir ist warm, gera-dezu heiß. Ich muss zwischenzeitig stehen
bleiben, weil meine Beine nicht mehr so funk-tionieren, wie ich es gewohnt bin. Dipak, ei-
ner der Gurung, schaut mich besorgt an.
Ich versuche zu lächeln, habe aber den Ein-druck, dass mir auch diese gewöhnliche
Bewegung, so wie das Laufen, nicht gelingt.
Dipak kommt auf mich zu, legt einen Arm
um mich herum und plötzlich sinke ich gegen
seine Schulter. Er hält mich fest, die Wärme
meines Körpers scheint in meinen Magen
zu strömen. Druck baut sich in meinem Unter-leib auf, ich muss würgen, ich spüre, wie sich
das Erbrochene schnell durch meinen Ma-
gen, die Speiseröhre und durch den Mund be-wegt und sich auf dem Gras vor mir verteilt.
 In dem Moment, in dem ich die Augen 
öffne, sehe ich den scheckig-grauen Himmel und danach das besorgte Gesicht eines älte-
ren Gurung, das sich in mein Blickfeld schiebt. Er sagt etwas, Dipak übersetzt für mich in gebrochenes Englisch. Ich muss meinBewusst-sein verloren haben. Ich bin etwas besorgt, versuche mich aufzurichten, aber meine 
Beine reagieren nicht. Ich richte meinen Kopf 
auf. Ein dritter Gurung kommt auf mich zu, hebt mich hoch und positioniert mich in einem Ledergurt, der auf seinen Schultern liegt. Er redet leise auf mich ein, und auch wenn die existente Sprachbarriere verhindert, dass die Bedeutung der Worte zu mir dringen, haben sie doch eine beruhigende Wirkung auf mich. Für einen Moment ist es mir unangenehm, dass ich getragen werden muss, aber das Ge-fühl wird von der Angst davor alleine im 
Wald zurückbleiben zu müssen, übermannt.
ZUSATZWISSEN FÜR HONIGHUNGRIGE
Der römische Feldherr Gnaeus Pompeius Magnus durfte im Jahr 67 v. Chr. die berauschende Wirkung des halluzinogenen Honigs kennenlernen. Nachdem die Krieger seines Heeres unwissentlich davon gegessen hatten, verhielten sie sich auf dem Schlachtfeld wie Betrunkene, mussten sich übergeben und bekamen Durchfall. Es verwundert nicht, dass Gnaeus‘ Krieger die Schlacht verloren haben. psychedelisch = das Bewusstsein in einen rauschartigen Zustand versetzen systolisch = Die Systole ist ein Teil des Herzzyklus. Verknappt und vereinfacht: Systol bezeichnet die Anspannungsphase des Herzens, bei der Blut aus dem Muskel gepumpt wird. Herzfrequenz = Anzahl der Herzschläge pro Minute
FLEISCH UND BLUTS FEATURE ÜBER HALLUZINOGENEN HONIG + HONIG-JÄGER IM HIMALAYA
CORPUS
ANIMA
MORBUS
RATIO
+
Illustrationen: Jonas Hauss
Träge schiebt sich der Nebel über die unregelmäßig zerklüfteten Hänge der Berge vor mir. Die Sonne ist nicht direkt zu sehen, bloß ihr rötliches Licht, das den Nebel färbt. Es erinnert mich an den Rhododendron, der überall auf den umliegenden Hängen wächst. Ich müsste müde sein, denn in der Nacht habe ich kaum geschlafen. Trotzdem bin ich hellwach, mehr noch: nervös. Vielleicht liegt es an dem Alptraum, der mir gestern Nacht einige Stunden vor Sonnenaufgang den Schlaf geraubt hat.
 In meinem Traum lief ich durch den Urwald. Ich war auf der Suche nach dem Honig, wegen dem ich überhaupt erst hier in dieses Dorf gekommen bin, beinahe zwei Tage Fußweg entfernt von der letzten befestigten Straße. Ich war alleine, das Grün um mich herum wucherte so dicht, dass ich kaum etwas sehen konnte. Während ich lief, begleitete mich das Geräusch summen der Bienen, das lauter wurde, je weiter ich mich vom Dorf entfernte und mich gleichzeitig in den Urwald begab. Als sich das Summen plötzlich in das Fauchen eines Tigers verwandelte, wachte ich auf. Danach habe ich keinen Schlaf mehr gefunden. Es wäre mir lieber, wenn die Bewohner des Dorfes mir nicht erzählt hätten, dass nachts Bären und Tiger um das Dorf herumschleichen,
um auf Beute zu lauern.
HIMALAYISCHE
BRÄUCHE Die Gurung sind ein friedliches, nepalesisches
Volk, das unter anderem im Himalaya lebt. Es ist
einer ihrer Bräuche, dessen Wurzeln unerkenn
bar weit in der Vergangenheit liegen, den Honig
der Himalaya-Biene ( auch Kliffhonigbiene ge-nannt) von den Klippen zu ernten und zu verzeh-ren. Dieser Honig ist berühmt und begehrt
wegen seiner pharmazeutischen, angeblich aph-rodisierenden und darüber hinaus: halluzinoge-nen Wirkung. Diese Eigenschaften verdankt
der Honig dem Rhododendron, der von den Bie-nen auf Nektarsuche angeflogen wird. Genauer
gesagt: Dem Grayanotoxin, das Bestandteil
der giftigen Blüten ist. Es ist für die Gurung kein
leichtes Unterfangen den Honig zu ernten. Oft-mals endet die Jagd tödlich, denn die Waben
der Kliffhonigbiene befinden sich weit über dem
Boden an den schrägen Wänden des Gebirges.
VON EINEM,
DER AUSZOG … Wer berichten will, muss zuvor etwas erlebt
haben. Das habe ich mir in Augenblicken
des Zweifelns, die mich auf dem Weg nach Ne-pal immer wieder überkommen haben, ve-hementeingeschärft. Im Auftrag von fleisch
und blut bin ich nach Nepal geflogen, bin
in einen überfüllten Bus gestiegen, und bin bis an die Peripherie des himalayischen Dschun-gels gefahren, um gemeinsam mit einer Gruppe von Gurung, den »Honig-Jägern«, in 
die Berge zu gehen.  Meine Nervosität flaut ab, als wir schließ
-lich losziehen. Die Wanderung über die un-befestigten, mit einfachem Werkzeug in den
Wald geschlagenen Wege, ist mühsam. Ich
muss mich darauf konzentrieren nicht über
Steine oder Wurzeln zu stolpern, sodass
kaum Zeit bleibt über den Honig, den ich heu-teNam frühen Nachmittag, nach unserem
Marsch, probieren werde, nachzudenken. Die
Gurung, die mir erlaubt haben sie auf der
»Honig-Jagd« zu begleiten, sind aufgeschlos-sen, lustig, machen Witze, die ich nicht
verstehe. Nichts, abgesehen von dem Equip-ment, das an Lederriemen über ihre Schultern hängt, weist darauf hin, dass wir nicht bloß
 auf Wanderschaft sind.
 Wir machen keine Rast auf unserem Weg.
Dementsprechend pünktlich erreichen wir
unser Ziel, eine etwa hundert Meter hohe Stein
wand. Zwischen zwei Felsvorsprüngen, ge-schützt vor Wind und Regen, hängen drei tel-lerförmige Waben. Das Summen der Bienen übertönt hier alle anderen Urwald-laute. Jetzt wird es also ernst.
+ PSYCHEDELIKA LÖSEN FUNDAMENTALE VERÄNDERUNGEN DES BEWUSSTSEINS, DER ICH-EMPFINDUNG UND DER WAHRNEHMUNG DER UMWELT AUS. DAS BEWUSSTSEIN KANN IN EINEN ÜBER-
WÄLTIGENDEN TRANCE-
ARTIGEN ZUSTAND VERSETZT WERDEN.
GIGANT UNTER
DEN BIENEN Die Kliffhonigbiene ist mit bis zu drei Zentime-tern Länge die größte Honigbiene der Welt. Im
Frühjahr, wenn es um die 25° Celsius warm ist,
ziehen die Bienenkolonnen in die subalpinen
Zonen, zwischen 2500 und 3000 Metern Höhe.
Die Bienen verbleiben hier das halbe Jahr, bis
zum September. Während dieser Periode sam-meln sie den Nektar aus den giftigen Rhododen-dronblüten und verarbeiten sie zu Honig, der
bei Verzehr psychedelische Wirkungen erzeugt.
Dass die Bienen bei der Aufnahme des Nektars
nicht verenden ist erstaunlich, denn Graya-notoxine werden u. a. als Insektizide verwendet. DIE HONIGJAGD Obwohl wir uns noch nicht mal in der Nähe
der Waben befinden, warnen die Honigbie-nen uns bereits. Schillernde, seismische
Wellen überziehen die Honigwaben. Einer der
Gurung erklärt mir, dass das Schillern von
den Flügelbewegungen der Bienen stammt.
 Vorerst konzentrieren die Gurung sich
jedoch auf das Ritual, das sie vor Bienen-stichen und dem Fall aus hundert Meter Höhe
schützen soll. Ein Hahn wird geköpft und
so den Göttern geopfert. Anschließend wird
er gerupft und über offenem Feuer gebraten.
Ich bin erleichtert darüber, dass die Götter
es offenbar nicht als Fauxpas empfinden, dass
ihr Opfer im Nachhinein verspeist wird. Ich
habe seit dem Frühstück nichts gegessen und
fürchte mich vor einer allzu starken Wirkung
des Honigs auf nüchternen Magen.
 Direkt nach der Mahlzeit werden die Strick
leitern vorbereitet. Die Gurung bauen sie
vor Ort zusammen und wässern sie, damit sie
nicht Feuer fangen in den Flammen, die sie
benutzen, um die Bienen auszuräuchern und
sie zu paralysieren. Dazu verbrennen sie
stark qualmende Blätter und Äste. Umgeben
von Rauchschwaden klettert einer der Gu-rung die am Felshang angebrachte Strick-leiter nach oben, bis zur Bienenwabe, durch-bohrt sie mit einem langen Stock, der ihm
gleichzeitig hilft die Balance in der respekt-einflößenden Höhe zu behalten. Die Wabe
fällt zu Boden. Es knackt. Honig quillt aus den
sechseckigen Wabenkammern. Er läuft über
die wächserne Begrenzung der Wabe ins
Gras. Einige tote Bienen schwimmen darin.
 Die Gurung sind zufrieden. Niemand ist,
abgesehen von einem einzigen Bienenstich in
die Schulter, verletzt worden. Mithilfe von
selbstgebauten Bambussieben wird der Honig
gefiltert und in Schüsseln gesammelt. Einer
der Gurung reicht mir lachend eine mit Honig gefüllte Wabe und ermutigt mich abzubeißen.
Er hält meine Hand noch einmal zurück,
bevor ich sie mir zum Mund führen kann, gibt
mir gestikulierend zu verstehen, dass ich vorsichtig kosten soll. Ich folge seinem Rat. Der Honig schmeckt normal. Eine Enttäusch-ung, die mich dazu ermutigt beherzter in 
die Wabe zu beißen, sodass mir eine Menge
Honig in den Mund läuft. Obwohl ich ahne, dass es zu viel gewesen sein könnte, schlucke ich runter, warte ab, glaube jetzt bereits 
eine Wirkung zu merken, die ich von zu viel Alkoholgenuss kenne. Um mich herum zerfließt das Grün der Bäume, die Urwaldgeräusche werden lauter, und auch wenn die Außenwelt an Intensität zunimmt, beschäftige ich mich in diesem Augenblick nur mit mir selber, mit meinem Selbstverständnis und meiner Positionierung in der Welt, mit der absurden Situation, in der ich mich be-finde. Ich glaube an Erkenntnisse zu gelangen, die ich,
trotz meines journalistischen Aufklärungsethos, für
mich alleine behalten soll. Es gibt einfach Dinge, die zu
intim sind, um sie zu teilen. Durch die Gedanken über
mich selbst dringt ein Geräusch, das bei mir Gänsehaut
verursacht. Es ist das Fauchen eines Wildtiers. Ich
weiß nicht genau, wie ein Tiger klingt, aber es könnte
ein Tiger gewesen sein. Ich muss mich wieder über
geben, der Gurung, der mich mithilfe des Lederriemens
auf meinen Schultern trägt, hält an. Er legt mich kurz
ins Gras. Der Moment, in dem er mich absetzt, fühlt sich
unnatürlich lange an, fast, als würde es Stunden dau-ern, bis ich das Gras am Hinterkopf spüren kann.
Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, die Sonne geht
langsam unter. Wir müssen vor Einbruch der Dun-kelheit wieder im Dorf sein, bevor die Tiger und Bären
kommen. Wieder höre ich etwas fauchen. Es ist ganz
in meiner Nähe – glaube ich. Das fließende Grün
der Bäume um mich herum, so wie das Rot des Rhodo-dendron verschmelzen mit dem Wildtierfauchen
und dem Geschmack des halb verdauten Honigs, süß
und gleichzeitig säuerlich vom Erbrochenen. Was pas-siert mit meinem Gehör? Es setzt zwischenzeitig aus
– glaube ich zumindest. Stakkatoartig dringen Geräu-sche an mein Ohr. Fast so, als würden die Urwaldgeräu-sche stottern. Es scheint als ginge mein Gehör eine
Symbiose mit meinen Augen ein. Immer, wenn die Ge-räusche um mich herum aussetzen, wird meine Umgebung gleichzeitig unscharf, so verschwommen
und überhaupt: Was ist mit den Proportionen der Dinge
passiert? Die Bäume, die sich rechts und links vom Pfad
in den Himmel recken, wirken unnatürlich hoch,
sodass ich kaum ihre Spitzen erahnen kann. Ist es nicht
eigentlich so, dass sie sich wölben? Ja, ihre weit ent-fernen Spitzen nähern sich an, formen einen Bogen, der
das versiegende Sonnenlicht abschirmt. Dunkelgrün ist es nun, mit Tupfern vom Rot des Rhodo-dendron. Die Gurung sind nun weg. Ich bewe-ge mich allein durch einen langen, mat-
schigen Tunnel. Das Laufen fällt mir schwer,
denn meine Füße versinken in dem Schlick
des Bodens. Dann höre ich das Fauchen eines
Tigers – natürlich. Das Topos des Alptraums,
versunken im Schlamm oder Ähnlichem,
unfähig mich zu bewegen und dann kommt
die Bedrohung, kommen die Tiger und Bären.
Zweifelsohne: Da bewegt sich etwas Fau-chendes auf mich zu. Ist es wirklich ein Tiger?
Ein Bär … Nein, Bienen. Ihre Facetten-Augen
wirken wie Kacheln in einem Tunnel. Die Dun-kelheit strahlt, ohne, dass es heller würde.
Alles wird intensiver, so intensiv, dass ich es
kaum ertragen kann. Solche Sinneseindrücke
habe ich noch nicht erlebt. Sie übersteigen
die bisherigen mühelos. Ich steige hoch in die
Wipfel der Bäume, von wo aus ich alles se-
hen kann … die Berge, den Wald, den Rhododen- dron. Alles pulsiert. Meine Sinneseindrücke werden eins, und dann wird es dunkel. AM MORGEN DANACH Der Kater, der mich bis zum frühen Nachmit-tag des Folgetages ans Bett bindet, ist un-
gleich stärker, als jeder durch zu viel Bier
oder Wein verursachte Kater. Die Gurung, die
mich am Bett mit Heilpflanzen versorgen, 
die ich folgsam zerkaue, sind offensichtlich 
belustigt über die Überdosis, die meinen Hor-rortrip zur Folge hatte. Dipak erzählt mir,
dass sie sich, bis zu meinem Erwachen, große
Sorgen gemacht hätten.
 Es dauert noch einen Tag, bis ich wieder
vollständig auf den Beinen bin. Ich weiß,
wie unverantwortlich mein Handeln gewesen
ist, denn, das wird mir jetzt, nachdem ich
mein kleines Abenteuer hinter mir habe, noch
deutlicher bewusst: ich habe mich vorsätz-
lich selber vergiftet. Ich wusste durch Recher-
cheim Vorfeld, dass eine Überdosis einen
systolischen, arteriellen Blutdruck unter 70
mmHg und eine Herzfrequenz von unter
40 min-1 zur Folge haben kann. Ohne Behand-lung, kann dies auch zum Tode führen.
Glücklicherweise haben sich die Gurung um
mich gekümmert. Übrigens kommen mir
die Erkenntnisse, die mir während meines Rau
sches augenöffnend erschienen waren, zwei
Tage später ziemlich banal vor. Über kurz
oder lang kann ich also feststellen: Es war ein
Erlebnis, mit Sicherheit ein interessantes,
aber ob es sich gelohnt hat, so weit zu fliegen,
um giftigen Honig zu probieren? Ich weiß
es nicht. Was ich sicher weiß: Ich würde keinem unserer Leser raten selber vom Halluzinoge-nen Honig zu kosten. Ich hatte Glück. Mir hätte weitaus Schlimmeres widerfahren können – aber was macht man nicht alles so im Dienste der Aufklärung!
+ ES DAUERT NOCH EINEN TAG, BIS ICH WIEDER VOLLSTÄNDIG AUF DEN BEINEN BIN
DELIRIUM Offenkundig habe ich zu viel Honig geges-
sen. Es ist eine halbe Stunde her, dass ich davon gekostet habe und mir ist warm, gera-dezu heiß. Ich muss zwischenzeitig stehen
bleiben, weil meine Beine nicht mehr so funk-tionieren, wie ich es gewohnt bin. Dipak, ei-
ner der Gurung, schaut mich besorgt an.
Ich versuche zu lächeln, habe aber den Ein-druck, dass mir auch diese gewöhnliche
Bewegung, so wie das Laufen, nicht gelingt.
Dipak kommt auf mich zu, legt einen Arm
um mich herum und plötzlich sinke ich gegen
seine Schulter. Er hält mich fest, die Wärme
meines Körpers scheint in meinen Magen
zu strömen. Druck baut sich in meinem Unter-leib auf, ich muss würgen, ich spüre, wie sich
das Erbrochene schnell durch meinen Ma-
gen, die Speiseröhre und durch den Mund be-wegt und sich auf dem Gras vor mir verteilt.
 In dem Moment, in dem ich die Augen 
öffne, sehe ich den scheckig-grauen Himmel und danach das besorgte Gesicht eines älte-
ren Gurung, das sich in mein Blickfeld schiebt. Er sagt etwas, Dipak übersetzt für mich in gebrochenes Englisch. Ich muss meinBewusst-sein verloren haben. Ich bin etwas besorgt, versuche mich aufzurichten, aber meine 
Beine reagieren nicht. Ich richte meinen Kopf 
auf. Ein dritter Gurung kommt auf mich zu, hebt mich hoch und positioniert mich in einem Ledergurt, der auf seinen Schultern liegt. Er redet leise auf mich ein, und auch wenn die existente Sprachbarriere verhindert, dass die Bedeutung der Worte zu mir dringen, haben sie doch eine beruhigende Wirkung auf mich. Für einen Moment ist es mir unangenehm, dass ich getragen werden muss, aber das Ge-fühl wird von der Angst davor alleine im 
Wald zurückbleiben zu müssen, übermannt.
Kliffhonigbiene Europäische Honigbiene
ZUSATZWISSEN FÜR HONIGHUNGRIGE
Der römische Feldherr Gnaeus Pompeius Magnus durfte im Jahr 67 v. Chr. die berauschende Wirkung des halluzinogenen Honigs kennenlernen. Nachdem die Krieger seines Heeres unwissentlich davon gegessen hatten, verhielten sie sich auf dem Schlachtfeld wie Betrunkene, mussten sich übergeben und bekamen Durchfall. Es verwundert nicht, dass Gnaeus‘ Krieger die Schlacht verloren haben. psychedelisch = das Bewusstsein in einen rauschartigen Zustand versetzen systolisch = Die Systole ist ein Teil des Herzzyklus. Verknappt und vereinfacht: Systol bezeichnet die Anspannungsphase des Herzens, bei der Blut aus dem Muskel gepumpt wird. Herzfrequenz = Anzahl der Herzschläge pro Minute