Illustration: Lennard Foppe
AUFKLÄRUNG ÜBER DEN VIELLEICHT 
UNBEKANNTESTEN TEIL DES WEIBLICHEN KÖRPERS + WAS HABEN EIN 
EISBERG UND DIE KLITORIS GEMEINSAM? Wie funktioniert das Gehirn oder das Herz oder … was
auch immer. Das kann jeder. Wir von fleisch und blut haben
uns vorgenommen spannendere und unbekanntere Re-
gionen des menschlichen Körpers zu erkunden – zumindest
bis wir euch die »Exoten« alle vorgestellt haben. Danach
schauen wir, wo die Reise hingeht und welche Organe uns
beschäftigen. Vorerst befassen wir uns aber mit der Klitoris.
 Es gibt nur EIN Organ im menschlichen Körper, das
ausschließlich dem Zweck der sexuellen Stimulation dient:
Die Klitoris. Ihr sichtbarer Teil befindet sich oberhalb
der Scheidenöffnung, dort wo die beiden inneren Scham-
lippen aufeinandertreffen. In dieser sehr kleinen perlen-förmigen und durchschnittlich etwa erbsengroßen
Gewebestruktur, die von einer kleinen Vorhaut bedeckt
wird, befinden sich ca. 8000 Nervenzellen. Zum Vergleich:
im gesamten Penis (wir sprechen also nicht nur von der
Eichel) verteilen sich bloß 4000 bis 6000 Nervenzellen. Da
lässt sich nur sagen: Chapeau, Klitoris! Lange Zeit galt
nur der Teil, der wirklich außerhalb des Körpers liegt, also
die Klitoriseichel, als Klitoris. Erst seit 1998 wissen wir,
dass die Klitoris aus einem ganzen System von Nerven be-
steht, das tief in den Körper reicht. Nur ein Zehntel der
Klitoris ist äußerlich zu sehen. Neun Zehntel sind verborgen.
Ähnlich verhält es sich übrigens bei einem Eisberg …
zwei Schwellkörpern um den Scheidengang. Da lässt sich auch gleich mal mit dem Mythos um den vaginalen
Und klitoralen Orgasmus aufräumen. Es gibt nur einen weib-
lichen Orgasmus, ob man ihn nun klitoral nennt oder
nicht. In der Scheide gibt es kaum Nervenenden. Ein Glück. 
Sonst wäre eine Geburt noch schmerzhafter. Die Klitoris
erigiert ähnlich wie ein Penis bei Stimulation. Sie wird
mit Blut vollgepumpt und daraufhin steif. Beim Orgasmus
erschlafft die Klitoris wieder, ähnlich wie der Penis,
allerdings erschlafft die Klitoris viel langsamer, weshalb
eine Frau die Erfahrung multipler Orgasmen machen
kann, was den Männern eher vorenthalten ist. Die Klitoris
entwickelt sich, wie der Penis, während der Embryogenese
aus dem Genitalhöcker. Tatsächlich hat auch die Klito-riseichel einen Schaft. Sie ist das Pendant zur Peniseichel.
KURZE HISTORIE DER KLITORIS Im Mittelalter, zur Zeit der Hexenjagd, war die Klitoris ziem-
lich in Verruf. Sie wurde von Inquisitoren als »Erfindung 
des Teufels« bezeichnet. Eine große Klitoris galt als Indiz dafür, dass eine Frau eine Hexe sei und im Verbund mit
Satan stehe, das heißt: Frauen mit großer Klitoris wurden
nicht selten auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
 Während der Renaissance entdeckten die Menschen
nicht nur kulturhistorische Errungenschaften der römischen
und griechischen Antike für sich, sondern auch (auf
medizinischer Ebene) die Klitoris. Der Ansicht war zumin-
dest der Italiener Realdo Colombo, der 1559 als erster
die Klitoris als »Platz der weiblichen Lust« lokalisiert zu
haben glaubte. Seine Behauptung fußte auf der Tatsache,
dass sich die Klitoris bei Berührung, ähnlich wie der
Penis, vergrößere und härter werde. Dass die Klitoris als
Organ existiert und es sich für eine Frau gut anfühlt,
wenn sie sich dort berührt oder auch berührt wird, war
natürlich schon vor Colombos bahnbrechender Entdeckung
bekannt. Allerdings zeigt sich an diesem Beispiel sehr
gut, dass die Anatomie sich bis zur Renaissance vorwiegend
auf den männlichen Körper beschränkte. Kleiner Sidefact:
Die ersten anatomischen Studien gab es bereits 1550
vor Christus. Das heißt, die Menschheit brauchte unglaubli-che 3.109 Jahre, um die wichtigste weiblich-erogene
Zone »offiziell zu entdecken«.
 Nach 1559 folgten einige Rechtsstreitigkeiten zwischen
Colombo und seinem Nachfolger Gabriele Falloppio, der
behauptete, er sei der eigentliche Entdecker der Klitoris und
ihrer Funktion. Das dürfte der Klitoris im Grunde genom-
men ziemlich egal gewesen sein. Danach wurde es erstmal
wieder stiller um den Kitzler, bis der berühmte Schrift-
steller Dennis Diderot sich 1748 in »Die indiskreten Klein-
ode « auf literarischem Wege der Klitoris und auch ihrer
Funktion widmete und so öffentliche Aufmerksamkeit auf
das Organ lenkte. 
 Im 19. Jahrhundert wurde die Klitoris wieder einmal zum
Sündenbock. Es wurde angenommen, dass der Ursprung
für Lesbische Liebe und auch Nymphomanie – schwere Ver
gehen im 19. Jahrhundert – in der Klitoris liege. 1865 verord-nete der Vorsitzende der British Medical Society Dr. Isaak
Baker Brown bei Neurasthenie (eine »Modekrankheit« zur
Zeit des fin de siècle) die operative Entfernung der Klitoris.
Er vermutete nämlich, dass die Klitoris der Auslöser nervö-sen Verhaltens und innerer Unruhe sei. 
 KEIN LUSTIGES THEMA … … ist die weibliche Beschneidung, auch berechtigterweise
als Weibliche Genitalverstümmlung bezeichnet. Bei dieser
Praxis werden (je nach Schwere des Eingriffs) Klitoris,
Klitorisvorhaut, innere und äußere Schamlippen entfernt,
die Klitoris mit Chemikalien verätzt oder versengt. Bei
einer besonders schlimmen Form der Beschneidung wird
die Vagina auch zu Teilen oder ganz zugenäht. Anders
als häufig angenommen, kommt diese Praxis nicht etwa nur
in Afrika vor, sondern auch in Teilen Asiens (Malaysia und
Indonesien), bei einigen wenigen Stämmen der Aborigines
in Australien und vereinzelt in Mittel- und Südamerika.
In Europa und Nordamerika ist die Praxis der weiblichen
Beschneidung heute quasi nicht existent. Studien zeigten,
dass hauptsächlich durch Auswanderung aus Afrika
seit den 1970er Jahren Fälle von beschnittenen Frauen
in Nordamerika und Europa vorkommen. Die Gründe für die
Beschneidung variieren. Sie reichen von mangelnder
Aufklärung bis hin zu traditionell verankerten, ästhetischen
Vorstellungen. Beschneidung gilt in praktizierenden Re-
gionen als eine Grundvoraussetzung zur Heirat, denn, so
nimmt man an, der Sexualtrieb unbeschnittener Mädchen
  Ebenfalls ziemlich abstruse Vorstellungen von der Klitoris
verbreitete Sigmund Freud, der sicherlich ein verdienstvoller
Mann war, aber gleichzeitig auch sonderbare Ansichten
hatte – zumindest aus heutiger Sicht. Laut Freud war der
klitorale Orgasmus nicht nur eine Kinderei, sondern sexuell
gestört und ein Indiz für die emotionale Unreife einer
Frau, die in der Lage sein müsse, den klitoralen Orgasmus
in die Vagina zu verlagern. Erst dann sei sie von der psycho-
logischen Reife her bereit Kinder zu gebären.
 1953 wurde die Klitoris dann erneut Grund öffentlicher
Erregung. Als Alfred Charles Kinsey, der gemeinhin als
Amerikas Aufklärer number one gilt, seine Feldstudie über
die weibliche Sexualität »Sexual Behaviour in the Human
Female«, veröffentlichte, tobte Amerikas prüde Bevöl-
kerung.Frauen mit sexuellem Interesse? Frauen, die ihre
Klitoris berühren, um sich zu stimulieren? Unvorstellbar,
obszön, widerlich! Und obendrein mit Sicherheit eine dreiste
Lüge … Natürlich.
 1998 gab es einen wahren Durchbruch in der Forschung
rund um das Organ Klitoris. Die australische Urologin
Helen O’Connell entdeckte, dass das, was wir von der Klito
ris sehen, tatsächlich nur ein Zehntel der eigentlichen
Klitoris ausmacht. Der Großteil befindet sich nämlich in
nerhalbdes weiblichen Körpers. O’Connell ist auch heute
noch als Forscherin aktiv und untersucht die Klitoris.
Seltsam eigentlich, dass es nicht selten zu fatalen Folgen
kommt, oder zumindest zu Rechtsstreitigkeiten, wenn
sich gewichtige Männer versuchen der Klitoris wissenschaft-lich oder religiös zu nähern. Es scheint fast so, als hätten
die Frauen hier den besseren Durchblick. sei so stark, dass es zwangsläufig zum Ehebruch kommen
müsse. Ein Ehebruch bedeutet extreme Schande für
die betroffene Familie. Ein in vielen Regionen verbreiteter
medizinischer Irrglaube besagt außerdem, dass unbe
schnittene Frauen weniger fruchtbar wären, oder dass die
Klitoris den Mann beim Geschlechtsverkehr oder das
Kind bei der Geburt verletzen könnte. In Ägypten, wo
zwischen 90 und 99% aller Frauen beschnitten sind, ist
der Ausdruck »Stachel« oder »Wespe« für Klitoris sehr
gebräuchlich. Die weibliche Beschneidung hat verheerende
Folgen für eine betroffene Frau. Das sexuelle Empfinden
wird in den meisten Fällen stark beeinträchtigt. Da das
Werkzeug zur Beschneidung nicht selten eine durch Hitze
sterilisierte Rasierklinge ist, kommt es nach der Bes
chneidung oft zu Entzündungen, zu starken Blutungen und
– nicht selten – zum Tod des beschnittenen Mädchens.
Daneben ist Unfruchtbarkeit eine Folge sowie schwere
psychische Traumata. Wer sich mehr mit dem Thema
Beschneidung auseinandersetzen will, sollte sich »Wüsten-
blume « des somalischen Models Waris Dirie durchlesen
oder »Karawane der Hoffnung« von ProSieben anschauen
^ ^
CORPUS ANIMA MORBUS RATIO +
FORMEN WEIBLICHER BESCHNEIDUNG
SCHWELL-KÖRPER Als Schwellkörper bezeichnet man Ge-
webe, Das sich erweitert, wenn Blut in
dieses Gewebe strömt. Anschwellen
ist hier nicht mit »aufblähen« gleichzu-
setzen. Sowohl beim Penis als auch
bei der Klitoris versteift sich das Ge-
schlechtsorgan und schwillt an. LESE
EMPFEHLUNG Wer Lust hat, sich auf literarischem
Wege dem Thema Klitoris bzw. Selbst-
befriedigung zu nähern, dem sei Ha-
rold Brodkeys Erzählung »Unschuld«
ans Herz gelegt. Worum geht’s ? Um
den Orgasmus der Frau. Die Geschich-
te findet man neben vielen anderen,
beeindruckenden Geschichten in dem
in Deutschland unter dem Titel »Un-
schuld (Nahezu klassiche Stories Band
1)« erschienen Sammelband. Typ I: Teilweise oder vollständige
Entfernung des äußerlich
sichtbaren Teils der Klitoris(Klitoridektomie) und / oder der
Klitorisvorhaut (Klitorisvorhaut-reduktion). Typ II: Teilweise oder vollständige
Entfernung des äußerlich sicht-baren Teils der Klitoris und der
inneren Schamlippen mit oder
ohne Beschneidung der äuße-ren Schamlippen (Exzision). Typ III: (auch Infibulation): Veren-
gung der Vaginalöffnung mit
Bildung eines deckenden
Verschlusses, indem die in-
neren und / oder die äußeren
Schamlippen aufgeschnit-
ten und zusammengenäht
werden, mit oder ohne
Entfernung des äußerlich
sichtbaren Teils der Klitoris. Typ IV: In dieser Kategorie werden
alle Praktiken erfasst, die
sich nicht einer der anderen
drei Kategorien zuordnen
lassen. Die WHO (World
Health Organization) nennt
beispielhaft das Einstechen,
Durchbohren (Piercing), 
Einschneiden (Introzision),
Abschaben sowie die Kauterisation von Genital-gewebe (das Ausbrennen 
der Klitoris oder das 
Einführen ätzender Subs-tanzen in die Vagina). Typ I A: Entfernung der Klitorisvorhaut Typ II A: Entfernung der kleinen Scham-
lippen Typ III A: Abdeckung durch Aufschnei-
den und Zusammennähen der
kleinen Schamlippen Typ I B: Entfernung der Klitorisvorhaut
und der Klitoriseichel Typ II B: Entfernung der kleinen
Schamlippen und ganz oder
teilweise Entfernung der
Klitoriseichel Typ III B: Abdeckung durch Aufschnei-den und Zusammennähen der
großen Schamlippen Typ II C: Entfernung der kleinen und
großen Schamlippen und
ganz oder teilweise der
Klitoriseichel
ALL THE LITTLE 
THINGS Nicht nur Frauen haben eine Klitoris,
sondern jedes weibliche Säugetier. Also auch Blauwale, Fledermäuse, Zwerg-
pinscher und so weiter … Man mag sich
gar nicht vorstellen, wie groß wohl die
Klitoris eines Blauwals ist. EIN GLANZSTÜCK Die Glans Clitoris oder Klitoriseichel ist
der erbsengroße, sichtbare, aber vom
Schamlippenvorhof bedeckte Teil der
Klitoris, der nicht ins Innere des Kör-
pers ragt / reicht. Lange Zeit galt dieser
eil als »gesamte Klitoris«. SEXY FORSCHUNG Es gibt Untersuchungen, dass es einen
Zusammenhang zwischen Orgasmen
und der Nähe von Klitoris und Harn-
röhrenöffnung gibt. Je näher die Klito-
ris an der Harnröhrenöffnung ist, desto
leichter kommt die Frau zum Orgas-
mus. Übrigens ist auch die Entfernung
zwischen Vaginalöffnung und Klitoris
ausschlaggebend für die stimulieren
de Wirkung beim Sex. Der »bestmög-liche « Abstand zwischen Klitoris und
Vagina beträgt drei Zentimeter. ALTGRIECHISCHE 
HÜGEL Clitoris ( auch umgangssprachlich Kitz-ler genannt ) = latinisierte Form des alt
griechischen Wortes für »kleiner Hü-
gel «. (der Plural von Klitoris ist übrigens Klitorides und nicht Klitoren, Klitorisse oder Klitoriten – was man ja auch fälsch-
licherweise denken könnte.) MACH’S 
DIR SELBST Anders als häufig von Männern vermu-tet,masturbieren Frauen ähnlich häu-
fig wie Männer. Laut einer Umfrage
aus dem Jahr 2016 masturbieren 11 %
der befragten Frauen mindestens zwei
Mal pro Tag, genauso viele mindestens
einmal und jeden zweiten Tag. Bei den
Männern masturbieren »nur« 9 % der
Befragten mindestens zwei mal pro
Tag, 19 % hingegen einmal am Tag und
23 % jeden zweiten Tag.
AUFKLÄRUNG ÜBER DEN VIELLEICHT 
UNBEKANNTESTEN TEIL DES WEIBLICHEN KÖRPERS + WAS HABEN EIN 
EISBERG UND DIE KLITORIS GEMEINSAM?
CORPUS
ANIMA
MORBUS
RATIO
+
Illustration: Lennard Foppe
Wie funktioniert das Gehirn oder das Herz oder … was
auch immer. Das kann jeder. Wir von fleisch und blut haben
uns vorgenommen spannendere und unbekanntere Re-
gionen des menschlichen Körpers zu erkunden – zumindest
bis wir euch die »Exoten« alle vorgestellt haben. Danach
schauen wir, wo die Reise hingeht und welche Organe uns
beschäftigen. Vorerst befassen wir uns aber mit der Klitoris.
 Es gibt nur EIN Organ im menschlichen Körper, das
ausschließlich dem Zweck der sexuellen Stimulation dient:
Die Klitoris. Ihr sichtbarer Teil befindet sich oberhalb
der Scheidenöffnung, dort wo die beiden inneren Scham-
lippen aufeinandertreffen. In dieser sehr kleinen perlen-förmigen und durchschnittlich etwa erbsengroßen
Gewebestruktur, die von einer kleinen Vorhaut bedeckt
wird, befinden sich ca. 8000 Nervenzellen. Zum Vergleich:
im gesamten Penis (wir sprechen also nicht nur von der
Eichel) verteilen sich bloß 4000 bis 6000 Nervenzellen. Da
lässt sich nur sagen: Chapeau, Klitoris! Lange Zeit galt
nur der Teil, der wirklich außerhalb des Körpers liegt, also
die Klitoriseichel, als Klitoris. Erst seit 1998 wissen wir,
dass die Klitoris aus einem ganzen System von Nerven be-
steht, das tief in den Körper reicht. Nur ein Zehntel der
Klitoris ist äußerlich zu sehen. Neun Zehntel sind verborgen.
Ähnlich verhält es sich übrigens bei einem Eisberg …
zwei Schwellkörpern um den Scheidengang. Da lässt sich auch gleich mal mit dem Mythos um den vaginalen
Und klitoralen Orgasmus aufräumen. Es gibt nur einen weib-
lichen Orgasmus, ob man ihn nun klitoral nennt oder
nicht. In der Scheide gibt es kaum Nervenenden. Ein Glück. 
Sonst wäre eine Geburt noch schmerzhafter. Die Klitoris
erigiert ähnlich wie ein Penis bei Stimulation. Sie wird
mit Blut vollgepumpt und daraufhin steif. Beim Orgasmus
erschlafft die Klitoris wieder, ähnlich wie der Penis,
allerdings erschlafft die Klitoris viel langsamer, weshalb
eine Frau die Erfahrung multipler Orgasmen machen
kann, was den Männern eher vorenthalten ist. Die Klitoris
entwickelt sich, wie der Penis, während der Embryogenese
aus dem Genitalhöcker. Tatsächlich hat auch die Klito-riseichel einen Schaft. Sie ist das Pendant zur Peniseichel.
KURZE HISTORIE DER KLITORIS Im Mittelalter, zur Zeit der Hexenjagd, war die Klitoris ziem-
lich in Verruf. Sie wurde von Inquisitoren als »Erfindung 
des Teufels« bezeichnet. Eine große Klitoris galt als Indiz dafür, dass eine Frau eine Hexe sei und im Verbund mit
Satan stehe, das heißt: Frauen mit großer Klitoris wurden
nicht selten auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
 Während der Renaissance entdeckten die Menschen
nicht nur kulturhistorische Errungenschaften der römischen
und griechischen Antike für sich, sondern auch (auf
medizinischer Ebene) die Klitoris. Der Ansicht war zumin-
dest der Italiener Realdo Colombo, der 1559 als erster
die Klitoris als »Platz der weiblichen Lust« lokalisiert zu
haben glaubte. Seine Behauptung fußte auf der Tatsache,
dass sich die Klitoris bei Berührung, ähnlich wie der
Penis, vergrößere und härter werde. Dass die Klitoris als
Organ existiert und es sich für eine Frau gut anfühlt,
wenn sie sich dort berührt oder auch berührt wird, war
natürlich schon vor Colombos bahnbrechender Entdeckung
bekannt. Allerdings zeigt sich an diesem Beispiel sehr
gut, dass die Anatomie sich bis zur Renaissance vorwiegend
auf den männlichen Körper beschränkte. Kleiner Sidefact:
Die ersten anatomischen Studien gab es bereits 1550
vor Christus. Das heißt, die Menschheit brauchte unglaubli-che 3.109 Jahre, um die wichtigste weiblich-erogene
Zone »offiziell zu entdecken«.
 Nach 1559 folgten einige Rechtsstreitigkeiten zwischen
Colombo und seinem Nachfolger Gabriele Falloppio, der
behauptete, er sei der eigentliche Entdecker der Klitoris und
ihrer Funktion. Das dürfte der Klitoris im Grunde genom-
men ziemlich egal gewesen sein. Danach wurde es erstmal
wieder stiller um den Kitzler, bis der berühmte Schrift-
steller Dennis Diderot sich 1748 in »Die indiskreten Klein-
ode « auf literarischem Wege der Klitoris und auch ihrer
Funktion widmete und so öffentliche Aufmerksamkeit auf
das Organ lenkte. 
 Im 19. Jahrhundert wurde die Klitoris wieder einmal zum
Sündenbock. Es wurde angenommen, dass der Ursprung
für Lesbische Liebe und auch Nymphomanie – schwere Ver
gehen im 19. Jahrhundert – in der Klitoris liege. 1865 verord-nete der Vorsitzende der British Medical Society Dr. Isaak
Baker Brown bei Neurasthenie (eine »Modekrankheit« zur
Zeit des fin de siècle) die operative Entfernung der Klitoris.
Er vermutete nämlich, dass die Klitoris der Auslöser nervö-sen Verhaltens und innerer Unruhe sei. 
 KEIN LUSTIGES THEMA … … ist die weibliche Beschneidung, auch berechtigterweise
als Weibliche Genitalverstümmlung bezeichnet. Bei dieser
Praxis werden (je nach Schwere des Eingriffs) Klitoris,
Klitorisvorhaut, innere und äußere Schamlippen entfernt,
die Klitoris mit Chemikalien verätzt oder versengt. Bei
einer besonders schlimmen Form der Beschneidung wird
die Vagina auch zu Teilen oder ganz zugenäht. Anders
als häufig angenommen, kommt diese Praxis nicht etwa nur
in Afrika vor, sondern auch in Teilen Asiens (Malaysia und
Indonesien), bei einigen wenigen Stämmen der Aborigines
in Australien und vereinzelt in Mittel- und Südamerika.
In Europa und Nordamerika ist die Praxis der weiblichen
Beschneidung heute quasi nicht existent. Studien zeigten,
dass hauptsächlich durch Auswanderung aus Afrika
seit den 1970er Jahren Fälle von beschnittenen Frauen
in Nordamerika und Europa vorkommen. Die Gründe für die
Beschneidung variieren. Sie reichen von mangelnder
Aufklärung bis hin zu traditionell verankerten, ästhetischen
Vorstellungen. Beschneidung gilt in praktizierenden Re-
gionen als eine Grundvoraussetzung zur Heirat, denn, so
nimmt man an, der Sexualtrieb unbeschnittener Mädchen
  Ebenfalls ziemlich abstruse Vorstellungen von der Klitoris
verbreitete Sigmund Freud, der sicherlich ein verdienstvoller
Mann war, aber gleichzeitig auch sonderbare Ansichten
hatte – zumindest aus heutiger Sicht. Laut Freud war der
klitorale Orgasmus nicht nur eine Kinderei, sondern sexuell
gestört und ein Indiz für die emotionale Unreife einer
Frau, die in der Lage sein müsse, den klitoralen Orgasmus
in die Vagina zu verlagern. Erst dann sei sie von der psycho-
logischen Reife her bereit Kinder zu gebären.
 1953 wurde die Klitoris dann erneut Grund öffentlicher
Erregung. Als Alfred Charles Kinsey, der gemeinhin als
Amerikas Aufklärer number one gilt, seine Feldstudie über
die weibliche Sexualität »Sexual Behaviour in the Human
Female«, veröffentlichte, tobte Amerikas prüde Bevöl-
kerung.Frauen mit sexuellem Interesse? Frauen, die ihre
Klitoris berühren, um sich zu stimulieren? Unvorstellbar,
obszön, widerlich! Und obendrein mit Sicherheit eine dreiste
Lüge … Natürlich.
 1998 gab es einen wahren Durchbruch in der Forschung
rund um das Organ Klitoris. Die australische Urologin
Helen O’Connell entdeckte, dass das, was wir von der Klito
ris sehen, tatsächlich nur ein Zehntel der eigentlichen
Klitoris ausmacht. Der Großteil befindet sich nämlich in
nerhalbdes weiblichen Körpers. O’Connell ist auch heute
noch als Forscherin aktiv und untersucht die Klitoris.
Seltsam eigentlich, dass es nicht selten zu fatalen Folgen
kommt, oder zumindest zu Rechtsstreitigkeiten, wenn
sich gewichtige Männer versuchen der Klitoris wissenschaft-lich oder religiös zu nähern. Es scheint fast so, als hätten
die Frauen hier den besseren Durchblick. sei so stark, dass es zwangsläufig zum Ehebruch kommen
müsse. Ein Ehebruch bedeutet extreme Schande für
die betroffene Familie. Ein in vielen Regionen verbreiteter
medizinischer Irrglaube besagt außerdem, dass unbe
schnittene Frauen weniger fruchtbar wären, oder dass die
Klitoris den Mann beim Geschlechtsverkehr oder das
Kind bei der Geburt verletzen könnte. In Ägypten, wo
zwischen 90 und 99% aller Frauen beschnitten sind, ist
der Ausdruck »Stachel« oder »Wespe« für Klitoris sehr
gebräuchlich. Die weibliche Beschneidung hat verheerende
Folgen für eine betroffene Frau. Das sexuelle Empfinden
wird in den meisten Fällen stark beeinträchtigt. Da das
Werkzeug zur Beschneidung nicht selten eine durch Hitze
sterilisierte Rasierklinge ist, kommt es nach der Bes
chneidung oft zu Entzündungen, zu starken Blutungen und
– nicht selten – zum Tod des beschnittenen Mädchens.
Daneben ist Unfruchtbarkeit eine Folge sowie schwere
psychische Traumata. Wer sich mehr mit dem Thema
Beschneidung auseinandersetzen will, sollte sich »Wüsten-
blume « des somalischen Models Waris Dirie durchlesen
oder »Karawane der Hoffnung« von ProSieben anschauen
FORMEN WEIBLICHER BESCHNEIDUNG
Typ I: Teilweise oder vollständige
Entfernung des äußerlich
sichtbaren Teils der Klitoris(Klitoridektomie) und / oder der
Klitorisvorhaut (Klitorisvorhaut-reduktion). Typ II: Teilweise oder vollständige
Entfernung des äußerlich sicht-baren Teils der Klitoris und der
inneren Schamlippen mit oder
ohne Beschneidung der äuße-ren Schamlippen (Exzision). Typ III: (auch Infibulation): Veren-
gung der Vaginalöffnung mit
Bildung eines deckenden
Verschlusses, indem die in-
neren und / oder die äußeren
Schamlippen aufgeschnit-
ten und zusammengenäht
werden, mit oder ohne
Entfernung des äußerlich
sichtbaren Teils der Klitoris. Typ IV: In dieser Kategorie werden
alle Praktiken erfasst, die
sich nicht einer der anderen
drei Kategorien zuordnen
lassen. Die WHO (World
Health Organization) nennt
beispielhaft das Einstechen,
Durchbohren (Piercing), 
Einschneiden (Introzision),
Abschaben sowie die Kauterisation von Genital-gewebe (das Ausbrennen 
der Klitoris oder das 
Einführen ätzender Subs-tanzen in die Vagina). Typ I A: Entfernung der Klitorisvorhaut Typ II A: Entfernung der kleinen Scham-
lippen Typ III A: Abdeckung durch Aufschnei-
den und Zusammennähen der
kleinen Schamlippen Typ I B: Entfernung der Klitorisvorhaut
und der Klitoriseichel Typ II B: Entfernung der kleinen
Schamlippen und ganz oder
teilweise Entfernung der
Klitoriseichel Typ III B: Abdeckung durch Aufschnei-den und Zusammennähen der
großen Schamlippen Typ II C: Entfernung der kleinen und
großen Schamlippen und
ganz oder teilweise der
Klitoriseichel
EIN GLANZSTÜCK Die Glans Clitoris oder Klitoriseichel ist
der erbsengroße, sichtbare, aber vom
Schamlippenvorhof bedeckte Teil der
Klitoris, der nicht ins Innere des Kör-
pers ragt / reicht. Lange Zeit galt dieser
eil als »gesamte Klitoris«. ALTGRIECHISCHE 
HÜGEL Clitoris ( auch umgangssprachlich Kitz-ler genannt ) = latinisierte Form des alt
griechischen Wortes für »kleiner Hü-
gel «. (der Plural von Klitoris ist übrigens Klitorides und nicht Klitoren, Klitorisse oder Klitoriten – was man ja auch fälsch-
licherweise denken könnte.) MACH’S 
DIR SELBST Anders als häufig von Männern vermu-tet,masturbieren Frauen ähnlich häu-
fig wie Männer. Laut einer Umfrage
aus dem Jahr 2016 masturbieren 11 %
der befragten Frauen mindestens zwei
Mal pro Tag, genauso viele mindestens
einmal und jeden zweiten Tag. Bei den
Männern masturbieren »nur« 9 % der
Befragten mindestens zwei mal pro
Tag, 19 % hingegen einmal am Tag und
23 % jeden zweiten Tag.
SCHWELL-KÖRPER Als Schwellkörper bezeichnet man Ge-
webe, Das sich erweitert, wenn Blut in
dieses Gewebe strömt. Anschwellen
ist hier nicht mit »aufblähen« gleichzu-
setzen. Sowohl beim Penis als auch
bei der Klitoris versteift sich das Ge-
schlechtsorgan und schwillt an. ALL THE LITTLE 
THINGS Nicht nur Frauen haben eine Klitoris,
sondern jedes weibliche Säugetier. Also auch Blauwale, Fledermäuse, Zwerg-
pinscher und so weiter … Man mag sich
gar nicht vorstellen, wie groß wohl die
Klitoris eines Blauwals ist. SEXY FORSCHUNG Es gibt Untersuchungen, dass es einen
Zusammenhang zwischen Orgasmen
und der Nähe von Klitoris und Harn-
röhrenöffnung gibt. Je näher die Klito-
ris an der Harnröhrenöffnung ist, desto
leichter kommt die Frau zum Orgas-
mus. Übrigens ist auch die Entfernung
zwischen Vaginalöffnung und Klitoris
ausschlaggebend für die stimulieren
de Wirkung beim Sex. Der »bestmög-liche « Abstand zwischen Klitoris und
Vagina beträgt drei Zentimeter.
LESE
EMPFEHLUNG Wer Lust hat, sich auf literarischem
Wege dem Thema Klitoris bzw. Selbst-
befriedigung zu nähern, dem sei Ha-
rold Brodkeys Erzählung »Unschuld«
ans Herz gelegt. Worum geht’s ? Um
den Orgasmus der Frau. Die Geschich-
te findet man neben vielen anderen,
beeindruckenden Geschichten in dem
in Deutschland unter dem Titel »Un-
schuld (Nahezu klassiche Stories Band
1)« erschienen Sammelband.